Gespräch mit Hans-Wilfried Haase, Pastor i.R. über die Entwicklung der AcK Lüneburg

Gespräch mit Hans-Wilfried Haase, P.i.R. der ev. reformierten Gemeinde in Lüneburg und Gründungsmitglied der ACK in Lüneburg:

1) Allerheiligenfest als eine Einheit gefeiert. Hans-Wilfried, ihr habt 1973 beschlossen, den Reformationstag und das Allerheiligenfest als eine Einheit zu feiern. Damals wurden ev. und kath. Prediger ausgetauscht. Vorträge und Diskussionen wurden rund um diese Tage veranstaltet und man nannte das Ganze "Tag der Kirche" ... dabei waren mehrere Kirchen beteiligt. Warum habt ihr dennoch von nur einer Kirche gesprochen?
HWH: Bei aller Verschiedenheit waren wir doch von der Überzeugung getragen, dass wir in Christus eine Kirche sind. Wir freuten uns an der Entdeckung unserer unterschiedlichen Farben und der Vielfalt der einen Kirche, das wollten wir feiern.

2) In den Anfängen der Ökumene in Lüneburg  waren persönliche Beziehungen der Pastoren wichtig, um neue Wege der Gemeinsamkeit zu finden. Was haben die leitenden Geistlichen damals aneinander und miteinander entdeckt?
HWH: Zu nennen sind vor allem Pfarrer Schwarzenburg und Superindendent Pastor Voigt. Auch die Vertreter der kleineren Kirchen -  z.B. P. Niesen  für die Ev.- Freikirchliche Gemeinde und ich für die ev. reformierte Kirche - waren dabei. Schwarzenburg und Voigt machten die Ökumene zur Chefsache. Aus dem Impuls ist immerhin das erste ökumenische Gemeindezentrum in der Bundesrepublik entstanden, St. Stephanus in Kaltenmoor.

3) Was hatte sich verändert?
HWH: Es gab eine neue Offenheit zwischen den Konfessionen. Man suchte das Gespräch, war neugierig auf den Glauben der anderen. Die kleineren Konfessionen spürten eine Kultur der Achtsamkeit, in der sie sich ernst genommen fühlten. Man verzichtete darauf, seine Größe auszuspielen. Es war klar, dass die Großen für die Kleinen mitdachten und mit handelten. Pfarrer Schwarzenburg sagte einmal sinngemäß: "Ökumene ist eine Friedensbewegung im Kleinen. Wenn wir lernen, in Fragen des Glaubens, die unser Innerstes berühren, andere gelten zu lassen, dann werden wir auch im Großen Frieden halten können.

4) Änderungen Zusammenarbeit: Anfang der 80er Jahre änderte sich die Zusammenarbeit. Seitdem findet ca. alle vier Monate eine  Delegiertenversammlung von Vertretern aus allen Gemeinden statt. Die Christen sollten mit einer Stimme sprechen. Die ACKL wollte ein Kirchenparlament Lüneburgs sein. Hat sich diese Hoffnung erfüllt?

HWH: Eine große Idee - sie wurde nur zum Teil eingelöst. In der Öffentlichkeit stellt sich immer noch die Frage: Wer vertritt eigentlich die Christen in Lüneburg?

5) Annäherung der Freikirchen: Manche freikirchlichen Gemeinden haben sich Schritt für Schritt der ACKL angenähert. Etliche von ihnen haben "nur" den Gaststatus. Wo siehst du die Gründe dafür?
HWH: Wie offen eine Gemeinde gegenüber anderen Konfessionen ist, hängt sicherlich auch vom Kurs der jeweiligen Pastoren und Gemeindeleiter ab. Das muss man ganz realistisch sehen. Natürlich ist es schwerer, sich der ACKL anzuschließen, wenn man einen Teil seiner Identität aus Abgrenzung gegenüber den Großen bezieht.
Wenn man die ökumenische Brille aufsetzt, sieht man, dass z.B. in den Niederlanden unsere reformierten Gemeinden in der Mehrheit sind und Lutheraner sind eine winzige Minderheit. In den USA sind die Baptisten sehr stark ... wenn man sich das klar macht, versteht man die unterschiedlichen Gefühlslagen besser. Die Möglichkeit des Gaststatus in der ACKL hat dazu geführt, dass Verbundenheit wächst. Man entdeckt, dass man zusammen arbeiten kann, ohne sich aufzugeben.

6) Mitgliedschaft: Wenn jemand fragt: Was bringt die Mitgliedschaft in der ACKL unserer Gemeinde? Was würdest du antworten?
HWH: Durch die neue Wahrnehmung werden die Evangelischen evangelischer, die Katholischen katholischer und alle zusammen ökumenischer - so sagte M. Voigt einmal.
Aber eigentlich ist die Frage falsch gestellt: Wenn wir trotz aller Unterschiede gemeinsam Kirche Jesu Christi sind, dann gehört es für jeden von uns dazu, sich dem Wind des Anders-Seins der Mitchristen auszusetzen. Daraus entsteht eine neue Kultur des Gelten-Lassens. Sie ist für jeden von uns ein Gewinn.

7) Wünsche für die ACKL: Du bist mit 70 Jahren der Senior im Vorstand der ACKL und von Anfang an dabei. Wenn du drei Wünsche frei hättest, was würdest du für die Ökumene in LG wünschen?
HWH: Erstens wünsche ich mir, dass die einzelnen Gemeinden nicht zurückfallen in Selbstgenügsamkeit. Schon viel zu oft haben in der Kirchengeschichte die zentrifugalen Kräfte dazu geführt, dass einer dem anderen das Leben schwer macht.
Zweitens, dass wir uns wieder mehr unserer biblischen Grundlagen vergewissern. Aus dem Gespräch über das Wort wird immer wieder gemeinsames Tun erwachsen. Ich sehe z.B. die Aufgabe, dass wir uns im Licht der biblischen Botschaft über die Rolle der Kinder in unserer Gesellschaft austauschen und verständigen müssen.
Drittens wünsche ich mir, dass es weiter die ökumenischen Highlights wie etwa den Pfingstmontagsgottesdienst gibt. Es tut gut, wenigstens einmal im Jahr in großer Runde zusammen zu sein.

Das Interview führte die damalige Vorsitzende Pastorin Annette Israel mit dem reformirten Pastor i.R. Wilfried Haase im Jahr 1913.